Brasilien: Vorbild bei der Bekämpfung von Kinderarbeit?

International gilt Brasilien als Vorbild bei der effektiven Senkung von Kinderarbeit durch Hilfe von staatlichen Subventionen und Programmen. Trotz sinkender Zahl, fanden Beamte der brasilianischen Regierung vergangenen September jedoch erneut 21 Kinder und Jugendliche, die auf Bauernhöfen und Landwirtschaften in der Nähe der brasilianischen Industriestadt Sao Paulo arbeiteten. Die meisten der Kinder ernteten Rote Beete, sechs von ihnen waren sogar jünger als 13 Jahre. Die Funktionäre urteilten: „Lang andauernde, schwere Arbeit wie diese Feldarbeit ist in Brasilien für unter 18-Jährige verboten. Angesichts der prekären Arbeitsbedingungen zählt der Fall zur Kategorie der schweren Kinderarbeit, die Arbeitgeber müssen mit empfindlichen Strafen rechnen.“1)

Auf Grundlage einer Resolution der ILO aus dem Jahr 2008 sind solche Formen der Kinderarbeit weltweit geächtet, trotzdem tauchen immer wieder solch erschreckende Neuigkeiten auf. Grundlage für diese bestehenden Missstände in Brasilien ist die soziokulturelle Tradition, besonders in ländlichen Regionen. Seit Generationen basiert das Überleben einer Familie auf Zusammenarbeit und Zusammenhalt. Besonders zu Erntezeiten ist die Mithilfe aller Familienmitglieder, auch die der Kinder notwendig. So werden Kinder, die in einer Landwirtschaft aufwachsen, oft von klein an dazu angehalten stundenlang schwere Arbeiten zu verrichten. Auf Spielen, Bildung und Kind-Sein müssen sie für ihre Familie verzichten. Entwicklungshelfer und Politiker sind sich einig, dass nur eine langjährige Erziehungsarbeit diese Kultur verändern kann.

Eine Möglichkeit zur Behebung der Kinderarbeit in diesem Bereich bieten Agrarkooperationen, bei denen sich Familien zusammenschließen, um gemeinsam besser wirtschaften zu können, wodurch wiederum die Kinder geschützt werden.

Die ILO kam in einem Bericht zu Beginn dieses Jahres (unsere Artikel dazu finden sie hier) zu der Erkenntnis, dass sozialpolitische Maßnahmen die besten Ergebnisse im Kampf gegen Kinderarbeit liefern. In Brasilien haben sich besonders Sozialhilfeprogramme zur Umverteilung von Einkommen ausgezeichnet. „Bolsa Familia“ ist eines von ihnen: Dieses Programm unterstützt einkommensschwache Familien finanziell, wenn diese als Gegenleistung ihre Kinder regelmäßig, also 85 Prozent der Schultage, in die Schule schicken und sie zu allen wichtigen Gesundheitschecks und Grundimpfungen bringen. Mittlerweile erreicht das Programm 11 Millionen brasilianische Haushalte.2) Das Recht auf Sozialhilfe sowie ein bedingungsloses Grundeinkommen sind rechtlich im brasilianischen Gesetz verankert. Doch die ambitionierte Einstellung erreicht bei weitem nicht die gesamte Bevölkerung des großen Landes. Vielen Familien mangelt es an ausreichend Geld, um zum nächsten Amt zu fahren, wo sie einen entsprechenden Antrag stellen könnten.3) Trotzdem ist es dem Lateinamerikanischen Staat gelungen, die Kinderarbeit im Vergleich zu 1992 um 58 Prozent zu senken. Die Kosten für das Programm betragen wohl auch nur etwas mehr als ein Prozent des nationalen Staatshaushalts.4) Damit ist Brasilien ein Aushängeschild für die Verfechter der ILO-Strategie, bis 2016 die schlimmsten Formen der Kinderarbeit zu beseitigen.5)

Trotz der positiven Entwicklung, kamen 2012 571.000 Kinder nicht ihrer Schulpflicht nach, weil sie stattdessen arbeiteten oder eine ausreichende Infrastruktur zur Schule nicht vorhanden war.6)

Organisationen, die sich vor Ort gegen Kinderarbeit einsetzen, bemängeln darüber hinaus, dass sich die brasilianische Regierung nicht ausreichend gegen bestehende Kinderarbeit einsetzt. Sie werfen der Regierung vor, das Problem zu verharmlosen und über die 3,4 Millionen brasilianische Kinderarbeiter hinwegzusehen. Bis 2001 gelang der größte Fortschritt in der Reduktion von Kinderarbeit, seitdem sinkt die Zahl nur noch langsam.6)

  1. TAZ: Kinderarbeit in Brasilien – abgerufen 14.10.2013 []
  2. issa: Programm Bolsa Familia – abgerufen 14.10.2013 []
  3. Bürger in Bewegung für eine andere Welt e.V. Grundeinkommen: Vertrauen statt Gängeln; nicht mehr verfügbar []
  4. Die Zeit: Hilfe für den Augenblick – abgerufen 14.10.2013 []
  5. ILO: ILO meldet Erfolg beim Kampf gegen die Kinderarbeit – abgerufen 14.10.2013 []
  6. Blickpunkt Lateinarmerika: Brasilien – 3,4 Millionen Kinder arbeiten – der Staat schaut weg; nicht mehr verfügbar [] []

Über angela / earthlink

Ich bin 21 Jahre alt und studiere im 5. Semester Politik- und Rechtswissenschaft an der LMU München. Ich plane nach meinem Studium im entwicklungspolitischen Bereich zu arbeiten, weswegen ich aktuelle ein 6-wöchiges Praktikum bei earthlink absolviere.
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