„Gift auf unserer Haut“: die brutale Wahrheit des Leders

Bangladesch, Leder, Kinderarbeit | Bild: © Alex Proimos - Wikimedia Commons

Vor einigen Tagen lief die Dokumentation „Gift auf unserer Haut“ im ZDF und löste bei vielen Zuschauern bestürzte Reaktionen aus. Zu sehen waren unter Anderem schockierende Bilder der Lederproduktion in Bangladesch. Thematisiert wurden neben dem rücksichtslos brutalen Umgang mit den Tieren außerdem die extreme Umweltzerstörung und die unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Die Kamera fängt Bilder von Kindern ein, die barfuß in giftigen Abwässern stehen, Tierhäute bearbeiten, oder im Müll nach essbaren Tierabfällen suchen. Den illegal aus Indien ins Land geschmuggelten Kühen, die dort als heilig gelten, wird bei vollem Bewusstsein die Kehle durchgeschnitten. Hazaribagh, das „Lederviertel“ in Dhaka, ist eines der verseuchtesten Gebiete der Erde.

Bilder, die wach rütteln. Und nicht jeder erträgt es, hinzusehen.

Ein Beispiel: Seit fünf Jahren arbeitet Jahaj in einer Lederfabrik. Wie so viele andere Kinder in Bangladesch musste er nach der Grundschule anfangen, Geld zu verdienen um seine Familie damit zu unterstützen. Doch die Arbeitsbedingungen sind unzumutbar. Zehn Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche hilft er bei der Verarbeitung von rohen Tierhäuten zu Leder und verdient dabei gerade einmal ein bisschen mehr als einen Dollar pro Tag. Im Gegenzug zahlt Jahaj dafür allerdings mit seiner Gesundheit. Verätzungen der Haut sind keine Seltenheit, denn Schutzkleidung gibt es nicht. Die Dämpfe, die durch die chemische Behandlung der Tierhäute freigesetzt werden, haben im Laufe der Zeit Asthma bei ihm ausgelöst. Auch Arbeitsunfälle hat der Junge bereits hinter sich, von einem eingetretenen Nagel bis hin zu einem Zwischenfall in einer Trockentrommel, den er mit schweren Kopfverletzungen und Prellungen am ganzen Körper gerade so überlebte. Auf die Frage hin, warum er bereit sei, unter diesen Bedingungen zu arbeiten meint er:  „Wenn ich Hunger habe, ist mir die Säure egal – ich muss essen.”1)

Jahaj ist jedoch kein Einzelfall. In Bangladesch, Indien, China und Brasilien2) ist Kinderarbeit in der Lederherstellung und –verarbeitung weit verbreitet. Besonders Jungen finden hier Arbeit, jedoch meist unter schlimmen Bedingungen. Unfälle sind keine Seltenheit. Die Kinder sind permanent giftigen Chemikalien ausgesetzt, wie beispielsweise dem problematischen Chrom, dessen Rückstände selbst  in den Endprodukten, die in unseren Läden landen, häufig von Verbraucherschutzorganisationen beanstandet werden. Folgen sind Allergien, Verätzungen, Asthma und Krebs1).  Welche Auswirkungen darüber hinaus der brutale Umgang mit den Tieren auf die Psyche hat, ist nur zu erahnen.

Doch die Kinder haben keine andere Wahl. Armut und fehlende soziale Absicherung sind die Gründe, warum sie schon in sehr jungen Jahren vom Land in die Stadt ziehen, um dort für sich selbst und ihre Familie den Lebensunterhalt zu verdienen.3) Es geht ums nackte Überleben.

Wenn wir in Deutschland im Laden ein Paar Lederschuhe kaufen, ist es uns allerdings fast unmöglich, nachzuvollziehen, woher das Leder ursprünglich stammt und ob Kinderhände dabei geholfen haben. Wie in der gesamten Textilbranche, reicht es nicht, einfach nur teurere Produkte zu kaufen. Denn diese können genauso gut aus Leder aus zweifelhafter Herstellung bestehen. Gefordert wird nun eine Kennzeichnungspflicht für Lederwaren. Doch auch hier wird der Kunde nie mit endgültiger Sicherheit wissen, wie die Herstellungsbedingungen waren. Wer also Umweltzerstörung, Tierquälerei und ausbeuterische Arbeitsbedingungen – vor Allem auch für Kinder – verhindern will, sollte sich in Zukunft zwei Mal überlegen, ob man wirklich Lederschuhe und eine Handtasche aus echtem Leder braucht.

“Gift auf unserer Haut” ist leider nicht mehr verfügbar.

  1. Human Rights Watch: Toxic Tanneries [] []
  2. SOMO: Where the shoe pinches. Child Labour in the Production of Leather Shoes []
  3. Leather gloves and tiny fingers; nicht mehr verfügbar []

Über barbara / earthlink

Ich bin 21 Jahre alt und studiere im 5. Semester Geographie mit Schwerpunkt Tourismus in Eichstätt. In meinem Praktikum will ich erste Erfahrungen im Bereich der Entwicklungspolitik sammeln.
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