Mit “mobiler Erinnerung” gegen ausbeuterische Kinderarbeit

Bild: © Foto: Benjamin Pütter / Misereor - Xertifix

Die Debatte um faire Grabsteine scheint im Großen und Ganzen eingeschlafen zu sein. In der Öffentlichkeit kommen kaum noch Nachrichten über das Verbot von Grabsteinen aus ausbeuterischer Kinderarbeit an. Mitten in dieses Nachrichten-Vakuum stößt nun eine Idee von Bildhauern und Steinmetzen, die sich am Wochenende in Bremen getroffen haben, um die Umsetzbarkeit eines fairen Grabstein-Versandes zu diskutieren.

Die Idee des Netzwerkes, das sich „Aktivkreis Besondere Grabmale“ nennt, dürfte einigen Paketboten jetzt schon Magenschmerzen bereiten. Denn geplant ist ein Versand, der ausschließlich faire Grabsteine per Post liefert. Die Grabmäler dürfen hierfür bis zu 30 Kilo schwer sein.1)

Der Ansatz der Gruppe basiert auf dem Trend, dass ein sehr großer Teil der Grabsteine, die in Deutschland verkauft werden, aus Ländern wie Indien kommen. Dort müssen Kinder unter ausbeuterischen Bedingungen in den Steinbrüchen schuften. Der mit Abstand größte Teil von ihnen wird im Alter zwischen 30 und 45 Jahren an den Folgen ihrer Staublunge, die sie sich während der schweren Arbeit geholt haben, sterben.2)

Das Netzwerk „Aktivkreis Besondere Grabmale“ hat es sich offiziell zum Ziel gemacht, die „Friedhofskultur zu pflegen und für einen nachhaltigen Umgang mit den Rohstoffen zu werben“. Um diese Ziele umzusetzen, benutzen die Mitglieder der Initiative ausschließlich europäische Materialien, die nur in den eigenen Werkstätten bearbeitet werden.3)  Normalerweise werden selbst europäische Steine nach Asien verschifft, um sie dort billig mit Hilfe von Kinderarbeit bearbeiten zu lassen.4)  Das ist weder ökologisch sinnvoll, noch ethisch einwandfrei.

Allerdings sind die Steine, die der „Aktivkreis Besondere Grabmale“ versendet, keine konventionellen Grabsteine. Ein rechteckiges Grabmal mit 12 Zentimetern Tiefe wäre gerade einmal 30 mal 25 Zentimeter groß. Deshalb sollen diese Steine auch nicht auf klassischen Gräbern stehen. Sie sind als Erinnerungszeichen gedacht, die Menschen zum Beispiel in ihrem Garten aufstellen können, wenn sie aus ihrem Heimatort weggezogen sind und trotzdem eine Erinnerungsstätte eines verstorbenen Familienmitglieds oder Bekannten haben wollen. Laut den Mitgliedern der Initiative braucht eine mobile Gesellschaft auch die Möglichkeit des mobilen Gedenkens. Seitdem es erlaubt ist, die Asche verstorbener Angehöriger zu verstreuen, können die kleinen Steine die Möglichkeit bieten, den Ort der Bestattung zu markieren.3)

Vom Aussehen her sind die kleinen Erinnerungssteine keine einfachen Steinblöcke, sondern kunstvoll geformte Objekte, oftmals aus verschiedenen Steinen zusammengesetzt – mal abgerundet, mal treppenförmig.5) Neben dem neuen Konzept der mobilen Erinnerung und dem aufwendig gestalteten Aussehen, sind diese Grabmale aber vor allem ein Zeichen für eine faire, regionale Handelskette, bei der ausbeuterische Kinderarbeit systematisch ausgeschlossen werden kann. Das Projekt zeigt, dass es möglich ist, auch ohne schlechtes Gewissen zu trauern und erinnern zu können.

  1. Osnabrücker Zeitung: Steinmetze wollen Grabsteine per Post liefern – zuletzt aufgerufen am 29.09.15 []
  2. Westfälische Nachrichten: Vortrag über Kinderarbeit – Schuften statt Schule – zuletzt aufgerufen am 29.09.15 []
  3. Tagesspiegel Online: Wenn der Postbote den Grabstein bringt – zuletzt aufgerufen am, 29.09.15 [] []
  4. Süddeutsche Zeitung Online: Beerdigungen. Fair bis zuletzt – zuletzt aufgerufen am 29.09.15 []
  5. Tagesspiegel Online: Wenn der Postbote den Grabstein bringt – zuletzt aufgerufen am, 29.09.15 []

Über Alexander / earthlink

Ich bin Student der Volkskunde/Europäische Ethnologie und absolviere mein Pflichtpraktikum bei Earthlink um einen Einblick in die Arbeit von NGOs zu erhalten. Wichtig ist mir, dass ich schon während dem Praktikum bei der Aufklärung helfen kann.
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